Two Cats - Two Assassins von Stoechbiene ================================================================================ Kapitel 19: Gedankenstrudel --------------------------- 19. Robin Gedankenstrudel Vergnügt muss ich grinsen, während ich Nami aufmerksam beim Essen beobachte. Voller Begeisterung genießt sie jeden Happen, lobt das Essen über alle Maßen, wobei sie ein bisschen schmatzt. Und dabei essen wir im Moment lediglich die gewärmten Reste vom Vortag. Gestern schmeckte es noch besser, als es ganz frisch war. Aber vielleicht lag es auch an der Gesamtsituation. Das Ambiente, die Dekoration, der Geruch der Gewürze, der in der Luft lag. Das erste Mal in den Genuss von richtigem asiatischen Essen zu kommen. Und der Umstand, der mir zu dieser unverhofften Einladung verhalf. Hart schlucke ich den Happen Essen in meinem Mund herunter, auch wenn etwas mehr zu kauen sicherlich nicht geschadet hätte. Fast hätte ich mich verschluckt! Mein Blick wandert die schmale Treppe zu meiner Zimmertür hoch, bleibt dort haften, während sich die Bilder der letzten Nacht in mein Gedächtnis drängen. Tief atme ich ein und aus, versuche mich darauf zu konzentrieren, dass alles gut gegangen ist. Ich kann dem Himmel nicht oft genug danken, dass er mir wieder meinen Retter vorbeigeschickt hat. Es ist, als würde er plötzlich aus dem Nichts auftauchen. Oder wie jemand der eine Tarnkappe trägt und diese dann im entscheidenden Moment abnimmt. Ich versuche mich auf diese doch recht amüsante Vorstellung zu fokussieren: Ein Mann mit einer Art Pudelmütze auf dem Kopf. Aber nein, die würde ihm nicht stehen. Er ist zu cool, als dass er im Winter frieren würde. „Woher hast du eigentlich das ganze Essen?“, höre ich Nami zwischen zwei Bissen fragen. „Ähm…also…“ Kurz stocke ich, denn bis zum heutigen Tag habe ich meiner Freundin nichts von meinem ominösen Retter erzählt. Also wie anfangen? Ich kann es ja selbst kaum verstehen, dass es ihn gibt, noch, dass er mir zu Hilfe eilt. Da ist so ein merkwürdiger Typ mit grünen Haaren der mir geholfen hat und danach lud er mich zum Essen in dieses schöne chinesische Restaurant ein! Diese Erklärung wäre weder plausibel noch gar ansatzweise nachvollziehbar. „Erzähl schon.“ Ich spüre wie mein Mund sich erneut öffnet, doch anstatt wenigstens eines Wortes fähig zu sein, laufen Tränen über mein Gesicht. Meine Hände fangen an zu zittern, sogar so schlimm, dass mir meine Gabel aus der Hand gleitet und geräuschvoll auf den Boden fällt. „Robin, was ist passiert? Um Himmelswillen!“ Eilig steht Nami von ihrem Platz auf und kommt zu mir geeilt. Tröstend nimmt sie mich in den Arm, gibt mir Halt, während ich hilflos dasitze und weine. Ich fühle mich wieder in die Situation versetzt, in der ich hilflos Mr. Willings ausgeliefert war, der sich für meinen Verrat an mir rächen wollte. „Er ist tot, er ist tot!“, rufe ich mir immer wieder ins Bewusstsein, um meine eigene Angst zu besänftigen. Er kann mir nichts mehr tun. Ich wurde gerettet. Von einem Mörder. Mord gegen Demütigung. Oder körperlicher Mord gegen seelischen Mord? Aber hätte meine Seele die Grausamkeit einer Vergewaltigung überlebt? Ich weiß, es gibt Frauen die haben viel schlimmere Dinge überstanden, aber ich glaube nicht, dass ich eine von ihnen wäre. Mich hätte es zerstört. Aber soweit ist es ja zum Glück nicht gekommen. Das darf ich nicht vergessen! Es dauert einen Moment, bis mein Herz sich beruhigt, die Tränen nachlassen, erst dann bin ich dazu in der Lage Nami's Umarmung zu erwidern, um ihr zu zeigen, dass alles wieder in Ordnung ist. Halbwegs, zumindest. „In drei Teufels Namen, was ist denn passiert?“ Auch in ihren Augen kann ich Angst erkennen, muss es doch sehr verstörend auf sie wirken, wenn ich mitten beim Essen in Tränen ausbreche. „Es geht schon wieder.“ Es gelingt mir sogar ein bisschen zu lächeln. „Ist denn mit dem Essen etwas nicht in Ordnung?“ „Nein, Nami. Das Essen ist fabelhaft. Es ist nur... also gestern...“ Soll ich ihr die ganze Geschichte erzählen? Besser nicht. Ich möchte nicht, dass sie Angst bekommt. „Mr. Willings ist gestern auf mich losgegangen, weil ich ihn bei Big Ed verpfiffen habe.“ „Was! Bist du okay?“ Ich nicke. „Den ein oder anderen blauen Fleck, aber sonst geht’s.“ „Er soll ja nicht zimperlich sein, wenn es darum geht sich einen Vorteil zu verschaffen oder andere aus dem Weg zu räumen.“ „Keine Sorge, ein Bekannter kam mir zu Hilfe.“ Nami stutzt und zieht überrascht die Augenbrauen hoch. „Ein Bekannter, so so.“ „Nicht was du denkst.“ „Was denke ich denn?“, feixt sie. „Wie lange kennen wir uns nun schon?“ Zwar bin ich meist recht schnell von Nami’s kleinen Anspielungen genervt, aber heute bin ich ihr sogar ein wenig dankbar dafür, das lenkt mich ab. „Lass mir doch auch meinen Spaß“, gibt sie lächelnd zurück. „Du meinst Neugier.“ „Na schön, erwischt. Also, wie ist er denn so, dein Bekannter?“ Doch trotz aller Mühe, das Grinsen in ihrem Gesicht ist geblieben. „Er ist...na ja...ein bisschen verschlossen. Allzu gut kenne ich ihn auch gar nicht. Er war es auch, der mich damals vor diesen Gangstern rettete und nach Hause brachte. Aber das habe ich erst später erfahren.“ „Ein Verehrer also.“ Verdutzt blicke ich Nami an. Verehrer? Er? „Eher nicht.“ Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. „Und wieso schenkt er dir dieses ganze Essen? Das hat doch sicherlich eine Stange Geld gekostet. Seit wann erwarten Männer keine Gegenleistung von uns Frauen? Sei vorsichtig, okay?“ „Ja... Ja gut.“ Sie hat recht. Daran habe ich gar nicht gedacht, dass diese Möglichkeit bestünde. „Entschuldige bitte. Wahrscheinlich ist er total nett und steht einfach nur auf dich. Ich vermute bei jedem Kerl immer gleich einen Playboy.“ „Schon gut, du bist entschuldigt.“ Verständnisvoll lächeln wir uns an, denn das Leben hat uns misstrauisch werden lassen. Nami und ich hatten bis jetzt einfach kein Glück mit der Männerwelt. Da ist es auch kein Wunder, dass bei uns schnell die Alarmglocken angehen, wenn einer mal nett zu uns ist. „Fest steht allerdings, dass er weiß, wo es gutes Essen gibt.“ Ihr fröhliches Lächeln ist zurück. Nami geht zurück zu ihrem Platz und wir widmen uns wieder unseren asiatischen Köstlichkeiten und essen weiter, nachdem ich meine Gabel wieder vom Fußboden aufgehoben habe. Wäre doch schade um das leckere Essen. Ich trage mir noch etwas Curryhühnchen auf und etwas Reis dazu. Zwar ist es ein bisschen scharf, aber vielleicht auch nur, weil ich diese Gewürze nicht gewohnt bin. Fest steht aber, dass ich liebend gerne noch einmal in dieses Restaurant möchte, aber dann ohne zu weinen bitte. „Er kann dich ruhig öfter ausführen, solange dabei auch etwas für mich abfällt.“ Nami zwinkert mir zu. Das ist typisch für sie. Aber sie hat ja nicht ganz unrecht. Essen ist leider Mangelware bei uns, da wir unser sauer verdientes Geld hauptsächlich für Miete und Nebenkosten brauchen. Für ein kleines Extra reicht es hinten und vorne nicht. „Aber hey, eines hast du mir über deinen Ritter noch gar nicht verraten. Wie heißt er denn jetzt eigentlich?“ Überrascht sehe ich Nami an und so wie sie mich ansieht, muss ich heute einen mehr als merkwürdigen Eindruck auf sie machen. „Ich...ich weiß es nicht.“ Besorgnis zeichnet sich auf ihrem Gesicht ab, tiefe Besorgnis. Ihre Gabel legt sie vorsichtig neben ihren Teller, dann sieht sie mich fest an. „Hat er dir was getan und du willst es mir nicht sagen?“ „Was?“ Schockiert starre ich meine beste Freundin an, frage mich, seit wann sie so erwachsen geworden ist. Ich war immer die Ältere, es war immer meine Aufgabe sie zu beschützen, nicht umgekehrt. „Ich möchte dich bitten, dass du mir alles erzählst. Wir sind Freundinnen, wir sind auf einander angewiesen, ich möchte dir helfen. Robin, sei ehrlich, was ist passiert. Und versuch nicht wieder mich zu schützen, wenn du eigentlich diejenige bist, die dieses Mal Schutz braucht.“ Noch während sie das sagt, laufen mir wieder die Tränen über die Wangen, benetzen meine Haut und auch bald den Tisch. Es fällt mir schwer stark zu sein, ich fühle mich erschöpft. „Er...Mr. Willings...er war hier...in...in meinem Zimmer...“ Ich breche regelrecht zusammen, kann nicht aufhören zu weinen. Erst Nami's Umarmung lässt mich wieder den Kopf heben. Vergeblich versuche ich sie anzusehen, aber mein Blick ist völlig verschleiert. „Um Gottes Willen! Robin...!“ „Ich lag im Bett und versuchte zu schlafen. Shadow war bei mir, als plötzlich dieser Kerl auftauchte. Er wollte es mir heimzahlen, dass Big Ed ihn bestraft hatte.“ Meine Stimme versagt, ich zittere am ganzen Körper. Bilder meiner Hilflosigkeit und meiner Pein überfluten mich, sehe mich selbst auf dem Boden in meinem Zimmer liegen und wie dieses Schwein versucht sich mit aller Gewalt zwischen meine Beine zu drängen. Nein! NEIN! Er ist tot, er ist tot! „Robin! Bitte, rede mit mir! Hat er dir wirklich nichts getan?“ Nami's Stimme klingt aufgebracht, ja, panisch. Fest sehen wir uns an, halten dabei einander fest, um uns gegenseitig Halt zu geben. „Soweit kam es nicht. Er wollte, aber soweit kam es nicht.“ Tief atme ich ein, um mich besser unter Kontrolle zu bekommen. „Wie gesagt, ich hatte Glück. Dieser Typ...“ Ich überlege, wie ich es ausdrücken soll, ohne ihn in die Bredouille zu bringen, immerhin war es Mord. „Er hat ihn fertig gemacht.“ „Aber wenn er wieder kommt?“ „Nein“, ich schüttle den Kopf, „das wird er nicht.“ Und zum ersten Mal fühle ich Genugtuung, bin erleichtert, dass Mr. Unbekannt meinen Angreifer getötet hat. Aber darf ich das? Irritiert sieht Nami mich an und ich kann ihr das nicht verdenken. Die ganze Geschichte muss sich für sie sehr abstrakt anhören. „Und dieser andere? Er hat dir wirklich nur geholfen?“ „Ja. Keine Ahnung, was...und wieso. Er ist...da, wenn ich Hilfe brauche. Er redet auch nicht viel. Trotzdem ist er irgendwie...nett auf seine Art.“ Meine eigenen Worte kommen mir komisch vor. Sie passen nicht so recht zu ihm und dennoch kann ich ihn nicht anders beschreiben. Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)