Falsche Blüten von Flordelis (Custos Vitae reminiscentia) ================================================================================ Kapitel 11: Ein Hauch von... alt -------------------------------- Nicht lange nach dem Frühstück hatte Bellinda darauf gedrängt, das Archiv aufzusuchen. Aber schon nach wenigen Metern trafen sie auf einen irritiert dreinblickenden Kieran. „Wohin geht ihr?“, fragte er, aber sein Blick blieb dabei auf Bellinda gerichtet, die, so vermutete Joshua, im Moment die einzige von den Freunden war, der er noch irgendwie vertraute. „Ins Stadtarchiv“, antwortete sie sofort entschlossen, sagte aber zu Joshuas Erleichterung nichts weiter, immerhin waren sie gerade in der Öffentlichkeit und konnten von wer weiß wem belauscht werden, das wollte er ungern riskieren. Kieran schien auch so zu verstehen. „Oh.“ „Willst du mitkommen?“, fragte Bellinda sofort. Sowohl Joshua als auch Faren runzelten missbilligend die Stirn, aber Kieran schüttelte ohnehin sofort den Kopf. „Nein, lieber nicht. Ich wollte mir nur ein wenig die Beine vertreten und dann wieder ins Waisenhaus zurückgehen.“ Joshua war sichtlich überrascht über die plötzliche Passivität des anderen, nachdem er ihm noch vor wenigen Stunden als seinen Feind deklarierte, sollte er sich gegen Richard stellen. Nun sah es aber so aus als hätte er bereits aufgegeben und sich bereits mit dem Gedanken abgefunden, dass ihr Freund so gut wie tot war. Faren verschränkte die Arme vor der Brust. „Liegt dir nichts mehr an Richards Leben?“ Kieran warf ihm einen unterschwellig feindseligen Blick zu, anders als jener, den Joshua in der Nacht hatte erleben dürfen und doch nicht minder furchteinflößend. Aber Faren ließ sich davon nach außen nicht beeindrucken und konterte mit offensiver Gelassenheit. „Ich habe meine eigenen Mittel und Wege, um ihm zu helfen“, antwortete Kieran schließlich. „Aber ich erwarte nicht, dass irgendjemand sie versteht.“ Faren lachte amüsiert und hob die Hände. „Woah, wer wird denn da gleich die Nerven verlieren? Eigentlich meinte ich das nicht ernst. Du bist nicht der Typ dafür, dich stundenlang in ein Archiv zu setzen und dort nach irgendwas zu suchen, was es vielleicht gar nicht gibt.“ Während Bellinda ihm einen empörten Blick zuwarf, blieb Kierans Gesicht so ausdruckslos wie zuvor. „Du auch nicht“, konterte er. Das brachte Faren tatsächlich zum Grinsen. „Wie wahr. Aber was tut man nicht alles für eine alte Freundin – und Richard?“ Diese Worte ließen Bellinda glücklich lächeln und begeistert in die Hände klatschen. „Das ist die richtige Einstellung.“ Joshua rollte mit den Augen. Er selbst war zwar von dieser Szene gerührt, aber die Erziehung sagte ihm, dass es lediglich ekelhafter Kitsch war, den man normalerweise nur in schlechten Romanen fand und der im echten Leben nichts zu suchen hatte, weil er ohnehin immer nur vergeblich war und die dadurch entstehende falsche Hoffnung nur zu Bitterkeit führte. Glücklicherweise bemerkte keiner der anderen seine Reaktion, nicht zuletzt, weil Kieran sich nun an Bellinda wandte: „Ich wollte dich noch etwas fragen.“ „Was denn?“, fragte sie interessiert. „Wenn jemand in Cherrygrove von einem falschen Kirschbaum spricht, welchen meint er damit?“ Sie überlegte nicht lange, aber ihr Gesicht wurde ein wenig blass, sie runzelte die Stirn. „Okay, okay, ich sag es dir – aber nur, weil ich will, dass du dich von dem Baum fernhältst.“ Faren nickte bestätigend, mit einer Mimik, die der eines Oberlehrers ähnelte. „Meine Mutter erzählte mir schon immer, dass man sich diesem Baum nicht nähern soll, weil man dann garantiert innerhalb eines Tages stirbt, egal ob man ein gutes Kind war oder nicht.“ Joshua, der eigentlich nicht an derartige Phänomene glaubte, wurde bei der Vorstellung plötzlich kalt, so dass er die Schultern hochzog, in der Hoffnung, dass er damit ein wenig Wärme in seinem Inneren retten konnte. Aber auf ihn achtete immer noch niemand. Bellinda deutete in die Richtung, in der sich dieser Kirschbaum befand, nach dem Kieran gefragt hatte. „Er ist da hinten. Du wirst ihn sofort erkennen, es ist der mit den weißen Blüten und den blauen Kirschen.“ Dann sah sie ihn so eindringlich wie nur möglich an. „Halte dich wirklich fern von ihm, es ist besser, wenn du ihm nicht zu nah kommst.“ „Ich habe verstanden, danke.“ Damit verabschiedete er sich von den Freunden und setzte seinen Weg fort, genau wie diese. Faren neigte im Laufen den Kopf. „Ich frage mich, warum er das wohl wissen wollte.“ Joshuas Gedanken waren zu sehr mit dem Hauptmann und den Plänen seiner beiden Freunde beschäftigt, um sich darum zu kümmern, aber selbst er empfand Kierans plötzliche Neugier an diesem Baum, vor allem in dieser Situation, als seltsam. Eigentlich konnte es nur bedeuten, dass er tatsächlich einen eigenen Weg gefunden hatte, Richard zu helfen – nur wie? Bellinda zuckte auf Farens Aussage mit den Schultern. „Vielleicht hat er von den Mädchen im Waisenhaus Gerüchte darüber gehört und möchte nun wissen, was dran ist. Man muss eben nach jedem Strohhalm greifen.“ Keiner ihrer beiden Begleiter erwiderte etwas darauf, nicht zuletzt, weil sie endlich angekommen waren. Das Stadtarchiv war eines der ältesten Gebäude von Cherrygrove und es war eines von zweien, das nicht aus Holz, sondern Steinen gebaut war. Dies diente der reinen Vorsicht, denn es sollte widerstandsfähig gegen Feuer und auch Stürme sein – außerdem stand es im Vergleich zu den anderen leicht erhöht, nur für den Fall, dass es zu einer spontanen Überschwemmung kommen sollte... auch wenn Cherrygrove von jeglichen Wassermassen weit entfernt war. Sie betraten das Gebäude durch die schwere Tür, deren dunkles Holz mit kunstvollen Schnitzereien verziert war, die derart tief gingen, dass selbst der Zahn der Zeit es noch nicht geschafft hatte, sie unkenntlich werden zu lassen. Der Vorraum war schlicht, Sonnenlicht fiel durch die Fenster herein und wurde von den unzähligen Staubkörnern in der Luft reflektiert, so dass sie wie tanzende, glitzernde Funken wirkten. Erst nach diesem ersten Eindruck, bemerkte man erneut eine Holztür, die tiefer ins Archiv hineinführte und dann fiel einem auch der Empfangsschalter auf, hinter dem eine Frau saß. An dieser entdeckte man immerhin direkt im ersten Augenblick die Ähnlichkeit zwischen ihr und Bellinda. Sie trugen dasselbe Lächeln, dasselbe rabenschwarze Haar – und sogar ihre Brillen ähnelten sich. „Na, was kann ich denn für euch tun?“, fragte sie amüsiert. „Guten Morgen, Mama“, grüßte Bellinda sie erst einmal gut gelaunt. Die anderen beiden schlossen sich der Begrüßung an, worauf das Lächeln von Anne noch ein wenig herzlicher wurde. „Nun sagt mir mal, was ihr im Archiv zu suchen habt.“ Joshua warf einen nervösen Blick zu Bellinda und hoffte, dass sie nicht zu viel sagen würde – und diese Hoffnung erfüllte sich: „Oh, nichts Besonderes. Wir wollen ein wenig was über mögliche Dämonenübergriffe lesen.“ „Da werdet ihr hier nicht viel finden“, meinte Anne amüsiert. „Aber ihr könnt euch gerne umsehen, solange ihr keine Unordnung anstellt.“ Die drei versprachen einstimmig, auf Ordnung zu achten und wurden dann ins Archiv gelassen, wo ihnen allen die Luft wegblieb. Von außen betrachtet wirkte es nicht sonderlich groß, aber im Inneren offenbarte sich eine ganz eigene Welt. Von der Galerie, auf der man stand, sobald man hereinkam, blickte man direkt auf die andere Seite des Raumes, wo sich mehrere, dicht bepackte Regale aneinanderreihten. Über die Brüstung sah man in einen tiefer gelegten Raum – einen Keller, wenn man so wollte –, wo noch wesentlich mehr Regale auf einen warteten, sowie drei lange Tische, die für eventuelle Recherchearbeiten gedacht waren. Legte man dann den Kopf in den Nacken, weil man noch nicht überwältigt genug war von den Massen an Informationen, die an diesem Ort lagerten, entdeckte man eine weitere Ebene, die man über eine Wendeltreppe erreichen konnte, unter der Kuppel. Dieser Ort, so machten die Kette und das Betreten verboten-Schild an der Treppe allerdings sofort verständlich, war nur für den Archivar gedacht, der dort zu arbeiten hatte. Kein Sonnenlicht fiel in diesen Raum, um die empfindlichen Unterlagen nicht möglicherweise ausbleichen zu lassen, stattdessen entzündeten sich wie von Geisterhand mehrere Gaslaternen, die in regelmäßigen Abständen an den Wänden und auch den Regalen befestigt waren. Ohne jegliche Fenster war es stickig und ein nicht definierbarer Geruch hing in der Luft – was Faren aber nicht davon abhielt, diesen zu erklären versuchen: „Hier liegt ein Hauch von... alt in der Luft.“ „Wenigstens ist es trockenes alt“, erwiderte Joshua, noch bevor die vom Archiv begeisterte Bellinda ihre Empörung über Farens Aussage ausdrücken konnte. „Wäre es nass, würde es modrig riechen und das ist richtig ekelhaft.“ Er rümpfte die Nase, um seine Worte zu unterstreichen, was bei Bellinda endlich zu einem empörten Schnauben führte. „Oh, ihr seid beides Banausen! Hier lagert hundert Jahre altes Wissen über Cherrygrove und Király und euch fällt nichts Besseres ein als dieses wundervolle Aroma zu beleidigen!“ Als Tochter der aktuellen Stadtarchivare aufgewachsen, war sie mit diesem Geruch geradezu groß geworden und ihm daher vertraut, weswegen es ihr schwerfiel, nachzuvollziehen, wie jemand anderes sich daran stören konnte. Joshua fühlte sich ihr dadurch noch näher, auch wenn seine Erziehung wesentlich mehr Nachteile mit sich brachte als ihre. „Schon gut“, meinte Faren direkt, um sie wieder zu beruhigen. „Sag uns lieber, wo wir deiner Meinung nach anfangen sollten. Wir haben immerhin keine Ahnung, wonach wir suchen sollen.“ Das brachte sie allerdings nicht von ihrem Optimismus ab. Stattdessen schlug sie mit ihrer Faust auf ihre senkrecht gehaltene Handfläche. „Dann fangen wir auf gut Glück irgendwo in den letzten drei Jahren an, seit Severo Caulfield hier ist. Wir sind auf der Seite der Gerechtigkeit, Asterea wird uns also schon hold sein.“ Joshua neigte ratlos den Kopf. „Was hat denn diese Sternennymphe damit zu tun?“ Statt Bellinda, setzte Faren zur Erklärung an: „Sternschnuppen erfüllen bekanntlich Wünsche. Wunscherfüllung bedeutet Glück, also ist Asterea gleichbedeutend mit einer Glücksfee.“ „So in etwa“, stimmte Bellinda zu. Für jemanden, der nicht in Király geboren war und der den Großteil seines Lebens nicht dort verbracht hatte, waren ihm die Geschichten über Naturgeister vollkommen fremd. Er hatte sich zwar bemüht, sich die Grundzüge anzueignen, aber solche Details waren ihm nicht bekannt gewesen, weswegen er über den Vergleich einer Nymphe mit einer Glücksfee nur irritiert eine Augenbraue heben konnte. „Fangen wir lieber an“, wies Bellinda ihre Begleiter an und ging bereits mutig voraus. Die Männer warfen sich noch einen letzten, fast schon verzweifelten Blick zu, dann zuckten sie beide mit den Schultern und folgten ihr, auch wenn keiner von ihnen wusste, was nun auf sie zukommen würde. Kieran war Bellindas Beschreibung gefolgt und stand nun wenige Meter von dem fraglichen Baum entfernt. Er war von einem niedrigen Zaun umgeben, der auf den ersten Blick vollkommen willkürlich gesetzt worden war, aber für Kieran war sichtbar, dass ein Netz, so etwas wie eine Barriere, um den Baum gesponnen war, daher wagte er im Moment nicht, näher zu gehen. Er war sich zwar sicher, dass ihm nichts geschehen würde, wenn er die Barriere berührte, aber er wusste nicht, was passieren könnte und er wollte keine Experimente eingehen. Doch auch ohne das auszuprobieren, war ihm bewusst, dass dieser Baum der Ursprung dessen war, was Richards Gestalt angenommen und auch ihn angegriffen hatte. Fragt sich nur noch, was ich mit diesem Wissen anfange. Er könnte natürlich nähergehen, dabei riskieren, dass die Barriere einen extrem negativen Effekt hatte und das Wesen, das den Baum bewohnte, direkt fragen, weswegen Richard und Blythe sein Ziel gewesen waren, aber er glaubte nicht, dass es antworten würde, selbst wenn es sprechen könnte, was bei weitem nicht selbstverständlich war. Wenn ich diese Aria finden könnte... nur um sicherzugehen... Auf seinem Weg durch Cherrygrove hatte er bereits nach Teyra Ausschau gehalten, aber das menschenscheue Wesen vermied es offenbar, tagsüber zu erscheinen. Er hätte sie ja in der Nacht zuvor gefragt, aber sie war direkt nach ihren letzten Worten verschwunden und auch auf seine Bitte hin zurückzukommen, um ihm mehr zu erklären, nicht mehr aufgetaucht. Was mache ich, wenn ich diese Aria nicht rechtzeitig finde? Oh Richard... Er fuhr herum, damit er wieder seinen Rückweg zum Waisenhaus antreten konnte. Vielleicht würde das dortige Wesen ihm helfen können, wenn er es dazu brachte, vor ihm zu erscheinen. Mit etwas – oder viel – Glück, würde es sich bei diesem sogar bereits um Aria handeln. Falls es eine Glücksgöttin gibt, hoffe ich, dass sie mir zusieht und meinen aussichtslosen Kampf unterstützt. Während er den Baum hinter sich ließ, konnte er nicht wissen, dass Asterea an einem anderen Ort gerade wieder zu niesen begann und dabei sogar einen leisen Fluch über die vermeintliche Allergie ausstieß. Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)