Begegnung von Norrsken ================================================================================ James & die Nachbarin --------------------- Mit einem kritischen Blick auf den Kalender trank James Sirius Potter den letzten Schluck aus seiner Kaffeetasse. Es war der vierte Dezember und das bedeutete, es waren noch zwanzig Tage bis Weihnachten. Nur noch zwanzig Tage bis Weihnachten wie es wohl viele ausdrücken würden und eigentlich müsste auch James sich dieser Beschreibung bedienen. Denn er hatte nur noch zwanzig Tage, um allen Erledigungen für Weihnachten nachzukommen und bisher hatte er überhaupt noch nicht angefangen. Mit einem leicht frustrierten Stöhnen auf den Lippen strich er sich das unordentliche, ebenholzfarbene Haar zurück. Die ganze Woche war er stets mit Arbeit zugedeckt. Das hatte er so nie erwartet, als er sich für die Geisterbehörde beworben hatte, doch im Gegensatz zu früher, scheute er anstrengende Arbeit nicht mehr. Sie war fast so etwas wie erfüllend. Doch das Verständnis seiner Familie würde ausbleiben, wenn er Weihnachten für sich ausfallen lassen würde. Es wurde also Zeit, dass auch James sich in den Rausch von Schnee, Zimt und Zuckerstange begab und mit den Vorbereitungen für Heiligabend begann. Vorsorglich sah er aus dem Fenster und entschied, dass für das Wetter sein grauer Mantel reichen sollte. Schnell überprüfte er seinen Geldbeutel, ob er auch genug Bargeld dabei hatte und kam zu dem Schluss, zu Anfang einen Abstecher bei Gringotts zu machen. Den Zauberstab in der Manteltasche verstaut und in die Schuhe geschlüpft verließ er sein Heim am Grimmauldplatz. Nach Hogwarts hatte er entschieden, das Haus seiner Eltern zu verlassen und von Godric’s Hollow nach London zurück zu ziehen. Da ihr Haus am Grimmauldplatz zu der Zeit leer gestanden hatte, überließen Harry und Ginny dieses ihrem älteren Sohn. Mit federnden Schritten stieg er die Treppe vom Hauseingang hinab und trat auf den öffentlichen Platz. Gemütlich schlenderte er diesen ein Stück weiter abwärts, zum Eingang eines kleinen Parks, der mit altem Ziergitter umzogen war. Schon auf dem Weg hatte er sein Umfeld im Auge behalten und als er auch im Park keine Leute in seinem näheren Umfeld ausmachen konnte apparierte er auf direktem Wege zu Gringotts. Bei der magischen Bank hatte er sich Gold aus seinem Verlies geholt und einen Teil davon in Londoner Pfund umtauschen lassen. In der Winkelgasse konnte er eine erhebliche Menge seiner Weihnachtseinkäufe erledigen. Herzlich wurde er im Familiengeschäft Weasleys Wizard Wheezes von seinem jüngeren Cousin Hugo empfangen, der ihm die wärmsten Empfehlungen für Geschenke an die Familie gab. Dafür war James ihm ehrlich dankbar, denn nicht einmal Gedanken hatte er sich um die Geschenke gemacht, die er endlich besorgen wollte. Seine Einkäufe würde Hugo ihm per Eule noch am selbigen Tag zuschicken, sodass am Abend alles bei ihm zuhause bereit lag. Zwar war dies nicht unbedingt notwendig, da es immerhin doch noch zwanzig Tage bis Weihnachten waren, aber wenn man das Angebot bekam, nahm man es natürlich gerne an. Für die restlichen Besorgungen wollte James in die Londoner Innenstand, auch wenn er sich bewusst war, dass diese von wahnwitzigen Menschen überfüllt sein würde. Schon sehr bald hatte James diese Entscheidung bereut. Wieso kam er auch ausgerechnet an einem Samstag auf die grandiose Idee Weihnachtseinkäufe erledigen zu wollen? Die Leute waren völlig verrückt! Waren die Fußwege schon an normalen Tagen dicht bedrängt, so hätte man an diesem Tag nicht damit gerechnet, dass sich überhaupt jemand zwischen den vielen Menschen fortbewegen konnte. Mit viel Wendigkeit und dem ein oder andern Einsatz von Ellbogen kämpfte sich James seinen Weg voran. Um die Handgelenke hatten sich bereits die ersten Tüten gesammelt – mit Geschenken für die Groß- und Pateneltern. Im Moment war sich der Potter zwar nicht sicher, ob es ein Vorteil war Liebhaber von Muggeldingen in der Verwandtschaft zu haben (sie waren für die unsinnigsten Dinge zu begeistern) oder doch eher eine Plage. Selbst zu Stoßzeiten würde nie so ein Andrang in der Winkelgasse entstehen. Und wenn doch – James‘ Gesicht war bekannt genug, dass die Leute ihm aus den Weg gingen. Das Gesicht des Erstgeborenen vom Auserwählten behielt man eben im Gedächtnis. Egal, ob er keine ganz so steile Karriere hingelegt hatte. Sein Blick ging zu den geschmückten Schaufenstern und der viele Kitsch ließ ihn lächeln. Bei einem mit allerlei Utensilien für Tee kam ihm ein Gedanke. Den ein oder andern in seiner Familie würde er sicher mit einer Packung des Lieblingstees von Twinings glücklich machen. Damit hatte er seine nächste Anlaufstelle. Ein kleiner Junge mit goldenen Löckchen hopste an ihm vorbei und James beobachtete noch aus dem Augenwinkel wie die Mutter versuchte mit ihrem Kind Schritt zu halten. Wenn er so darüber nachdachte hätte das auch seine Cousine Molly sein können. Grinsend schüttelte er den Kopf und bog an der nächsten Ecke ab. Seiner liebsten Cousine würde er einfach ein paar Gutscheine fürs Babysitten schenken. James war versucht sich selbst auf die Schulter zu klopfen, denn inzwischen war er so gut wie fertig mit seinen ganzen Einkäufen. Es fehlten vielleicht noch ein, zwei Präsente, aber auch die würde er, bevor er sich wieder auf den Heimweg begab, eingeholt haben. Doch vorläufig wollte er sich eine Pause gönnen und etwas essen. Das Frühstück lag eine Weile zurück und die Beschwerden seines knurrenden Magens, waren nicht mehr zu ignorieren. Neugierig blickte er sich nach einem passenden Lokal um und entschied sich schließlich für ein etwas kleines, nicht ganz in die Umgebung passendes Pub. Die Karte war vielversprechend und seine vielen Tüten, mit großen und kleinen Päckchen, konnte er auf der Bank seines Tisches verstauen. Nachdem er das Tagesgericht bestellt hatte, vibrierte sein Blackberry in seiner Hosentasche. Stirnrunzelt zog er es hervor. Nur wenige kannten seine Nummer, was nicht zuletzt daran lag, dass immer noch viele Hexen und Zauberer sich etwas schwer mit der Muggeltechnologie taten (gut, sie ging inzwischen so große Schritte, dass es schwer war hinterher zu kommen, wenn man nicht von Anfang an damit gelernt hatte umzugehen). Selbst würde sich James zwar nie als Experte bezeichnen, aber mit den kleinen Apparaten, die sich Smartphone schimpften, hatte er sich anfreunden können. Seine kleine Schwester hatte ihm eine WhatsApp-Nachricht geschrieben. Mit überraschtem Gesicht las er die von Smileys und Herzchen gespickte Kurznachricht. Zum Glück sah Lily ihn dabei nicht und hatte über den Messenger nicht die Möglichkeit sein Schweigen auszunutzen. Allerdings war das auch gar nicht nötig, denn er gab ihr mit einem Lächeln auf den Lippen die Bestätigung für ihre Bitte. Sein Imbiss wurde ihm, kaum dass er die Nachricht abgeschickt hatte, serviert und endlich konnte er dem hungrigen Knurren seines Magens beikommen. Seine wohlverdiente Pause rundete er mit einer Tasse Tee ab, die er nachträglich zum Essen bestellte. Die Rechnung ließ er auch gleich kommen, sodass er, sobald er mit seinem Heißgetränk fertig war, losgehen konnte. Und während er sich diesen munden ließ, ging er die weitere Tagesplanung durch. Die Bitte von Lily hat alles ein wenig umgeworfen, sinnierte James mit grübelnder Miene. Aber wirklich durcheinander brachte ihn das nicht. Es war ja noch etwas Zeit. Er stellte die leere Tasse zurück auf den Tisch und griff nach seinem Mantel, den er in dem warmen Stübchen abgelegt hatte. Als letztes griff er sich seine Einkaufstüten, die er wieder ordentlich um seine Handgelenke nahm, obgleich sie ihm das Blut abschnüren. Auf dem Weg zur Tür bemerkte James wie der junge Mann hinter dem Tresen nach ihm winkte. Mit hochgezogener Augenbraue wandte er sich um und folgte der Aufforderung etwas näher zu kommen. »Das hier war wohl für Sie gedacht.« Seine Stimme klang etwas unsicher und sein Blick war verwirrt. James sah ihn vermutlich ähnlich an, als er den leicht verknitterten Zettel entgegen nahm und drauf sah. Egal, wer da versucht hatte ihm eine Nachricht zukommen zu lassen, er schien nicht die richten Worte gefunden zu haben – oder zum Ende gekommen zu sein. Die halben Sätze waren durchgestrichen und nicht mehr so gut zu entziffern. ›Hallo‹ stand dort auf jeden Fall – und etwas über Fotos? Allerdings nichts, was einem Namen entsprechen könnte. Stirnrunzelnd sah er wieder auf und der Überbringer der Nachricht zuckte nur mit den Schultern. Er nahm den Blick von James als stumme Frage. »Sie hat sich nicht vorgestellt, war aber sehr energisch und irgendwie zerstreut.« Die Beschreibung passte auf einige seiner Familienmitglieder. »Und wie sah sie aus?« »Ihr Haar war glatt und braun, so wie ihre Augen.« Keine seiner Cousinen, wie James feststellte. Mit einem freundlichen ›Danke‹ und einem Lächeln verabschiedete er sich. Den Zettel stopfte er lieblos in seine Hosentasche und ermahnte sich, ihn nicht zu vergessen, bevor er die Jeans in die Wäsche gab. Vorläufig wollte er die Sache auf sich beruhen lassen, denn immerhin musste er sich noch ein paar Geschenke einfallen lassen und anschließend Essen einkaufen – und vielleicht auch ein wenig Dekoration. Aber bloß nichts zu kitschiges. Bevor James seinen Wocheneinkauf erledigte, apparierte er von einem stillen Fleckchen (das gar nicht so leicht zu finden gewesen war!) aus nach Hause, um die unhandlichen Tüten abzulegen. Tief atmete er durch und ließ die Handgelenke kreisen, die von der Kälte und den dünnen Riemchen der Tüten schmerzten. Es war ihm egal, ob er einem Klischee entsprach, aber Shoppen war und würde nie eine seiner bevorzugten Beschäftigungen werden, denen er in seiner Freizeit nachgehen würde. Nicht einmal für eine Frau! – Die es im Moment nicht gab. Um die müden Glieder zu wecken streckte er sich ausgiebig und machte anschließend einen Abstecher ins Bad und in die Küche für den Einkaufzettel. Einen Liter Milch, Eier und etwas Gebäck hatte er sich schon aufgeschrieben. Weitere unabdingliche Utensilien für den Haushalt folgten auf seiner Liste und mit einem leichten Seufzen auf den Lippen realisierte er, dass auch diese Einkaufstüten wieder unhandlich und schwer würden. Er musste sich unbedingt angewöhnen, öfter zu gehen. Den Zettel in der Manteltasche verstaut verließ er wieder das Haus. Der Wind war schneidender geworden, weshalb er den Mantel enger zuknöpfte und mit eingezogenem Kopf loslief. Das Wetter war für ihn ungemütlich und so machte er große, schnelle Schritte, um schnell die Einkäufe hinter sich zu bringen. Im nächsten Tesco würde er alles finden, was er bräuchte, ohne zwischen mehreren Läden zu pendeln. Und der war gar nicht so weit weg. In Gedanken mit dem schnellsten Weg dorthin beschäftigt und die Möglichkeit abwägend, ob apparieren eine Option war, achtete James zu wenig auf seine Umgebung und wurde direkt nach Überquerung des Platzes umgerannt – oder viel mehr angerempelt, aber auch, wenn die Person sehr viel mehr Schwung in der Bewegung hatte, prallte sie von James' Schulter ab und ging zu Boden. Nicht jedoch ohne ihm einige Päckchen in die Magengrube zu rammen, die ihn leise aufkeuchen ließen. Ein Fluchen zwischen Zähneknirschen unterdrückt, hielt er die Sachen reflexartig fest und sah die junge Frau am Boden knien. Schon eifrig dabei ihre Sachen wieder einzusammeln und hastig Entschuldigungs-Floskeln auf den Lippen. »Schon okay«, murmelte James mehr zu sich selber und war sich ziemlich sicher, dass sie ihn nicht gehört hatte. Ihr überraschter Blick ließ ihn blinzeln und sich etwas unwohl in seiner Haut fühlen, doch er versuchte es mit einem gewinnenden Lächeln zu kaschieren. »Hier, bitte.« Er gab ihr die Tüten mit den Päckchen zurück und überlegte, noch etwas zu sagen, da zuckte die junge Frau zusammen und griff hastig zu ihrem iPhone. Wohl vollkommen vergessen stand James da, betrachtete ihr hektisches Gesicht mit den geröteten Wangen und entschied ihr die unangenehme Situation, sich wieder ihm zuzuwenden, zu ersparen. Immer noch lächelnd ging er seiner Wege und sah noch aus dem Augenwinkel, wie die junge Frau mit dem kastanienbraunen Haaren einen Hausaufgang hoch ging. Sie wohnte also hier? Gut zu wissen. ❅ Von einem Fenster im obersten Stockwerk blickte James auf die Straße. In seiner Hand hielt er eine Tasse mit frisch aufgebrühten Tee und wartete, dass er abkühlte, um einen Schluck trinken zu können. »Was treibst du denn hier oben, Jam?« Seine Augen verdrehten sich hoch zu den zusammengezogenen Brauen. Wie er je auf die dumme Idee gekommen war, seiner kleinen Schwester zu erlauben, ihn so zu nennen, war James heute ein Rätsel. Damals waren sie noch Kinder gewesen und er konnte es nur darauf schieben, dass er jung gewesen war. »Ich schau nach dem Schnee, der heute Nacht gefallen ist«, erklärte er mit monotoner Stimme und wandte sich auch nicht zu der Jüngeren um, die sich in den Türrahmen gelehnt hatte. »Schon die ganze Zeit?«, horchte Lily skeptisch nach und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ja, schon die ganze Zeit. Mir ist da unten zu viel los.« »Ach so.« James hörte wie sich die Schritte von Lily entfernten. Vermutlich verstand sie ihn, denn normalerweise hatte er das Haus für sich und musste es sich nicht mit seiner Schwester oder anderen Familienangehörigen teilen. Doch Lily wollte den Dezember einmal wieder in England verbringen und hatte um Unterkunft gebeten. Alternativ hätte sie zwar zu ihren Eltern gekonnt oder in den Fuchsbau, aber hier war es James der sie verstand, dass sie das geräumige Haus, welches nur von ihm bewohnt wurde, vorzog. Die Rückkehr der kleinen Prinzessin hatte einen Freudentaumel bei Harry und Ginny Potter verursacht und so war am Vortag, nachdem Lily eingetroffen war und eine Eule Heim schickte, um die Botschaft zu überbringen, ein Brief zurück gekommen, in dem sich die Familie selbst einlud. Das war nichts Ungewöhnliches und so hatte James alles mit Lilys Hilfe für die Ankunft ihrer Eltern vorbereitet. Nun waren alle in der Küche versammelt und Lily erzählte von ihren Reisen, während Ginny ein Auge auf das Essen hatte, das sie kochte. Harry hörte seiner Tochter mit gemischten Gefühlen zu und Albus, der auf Bitten seiner kleinen Schwester auch gekommen war, tat es seinem Vater gleich. James brauchte davon eine Pause und hatte sich daher nach oben verzogen. Leider konnte er sich selber nicht so gut einreden, dass ihn bloß die Straße und seine Passanten interessierten, während er aus dem Fenster sah, denn da gab es etwas weitaus spannenderes. Im Wohnhaus gegenüber saß, ein Stockwerk tiefer die junge Frau, der er gestern vor der Haustür begegnet war, auf einer kleinen Couch mit einem Laptop auf den Knien. Nachdem sie den Treppenaufgang hinauf gegangen war, hatte es ihn beschäftigt, ob er von seinen Fenstern aus vielleicht zu ihr herüber sehen konnte. Die Bestätigung hatte er schnell bekommen und seit dem ließ es ihn nicht locker und er sah immer wieder zu ihr. Das grenzt an Stalking, tadelte sich James selbst. Zu seinem Glück war sein eigenes Haus für sie nicht sichtbar, aber vielleicht war das auch das Pech. So würde sie nie zu ihm herüber sehen können und ihn bemerken. Unschlüssig strich er sich das Haar zurück. Gemeinsam aß die Familie Potter an diesem Advent zu Abend. James zollte seiner Mutter schweigend Respekt, da sie aus dem wenigen brauchbaren, was er in seiner Küche da hatte, etwas Anständiges gezaubert hatte. Lebhaft wurde sich unterhalten und für die Feiertage geplant und endlich waren die Kinder mündig genug, um gemeinsam gegen die kitschigen Vorstellungen ihrer Eltern vernünftig zu rebellieren. Gegen den gemeinsamen Feiertag im Fuchsbau gab es jedoch keinerlei Einwände. Dies war eine Tradition, der mit Freude gefrönt wurde. Insgesamt weckte der Abend wundervolle Erinnerungen an die Kindheit in Godric’s Hollow und James musste sich gestehen, dass er vielleicht doch nicht immer so glücklich war endlich alleine zu Leben, die Arbeit nicht alle Lücken füllte und der ganze Weihnachtswahn, der jedes Jahr immer viel zu früh startete, auch seine schönen Seiten hatte. Albus hatte sich mit vollem Bauch schon zurück gelehnt und seufzte zufrieden. »Pennst du eigentlich hier?«, fragte James seinen jüngeren Bruder und sah ihn argwöhnisch von der Seite an. Die Antwort wusste er längst. »Nur wenn ich mein altes Zimmer bekomme.« »Ich hab das Bett durch einen Billardtisch ersetzt. Wenn du darauf schlafen willst.« Der Schlag gegen seinen Oberarm war halbherzig, aber doch kräftig genug, dass James ins Schwanken geriet. »Wenn das stimmt, jag ich deins gleich in die Luft«, schwor Albus und stand auf, um es überprüfen zu gehen. Der Nachtisch war noch in Arbeit, sodass eine kurze Pause möglich war. »Jungs«, stöhnte Harry, als er zusah wie auch sein zweiter Sohn aufstand und beide erst langsam, dann schneller die Treppe hochpolterten. Dabei hatte er Jahrelang die Hoffnung gehegt, dass es mit dem älter werden besser mit ihnen würde. Die Geschichte mit dem Billardtisch war natürlich erfunden und so musste sich James keine Sorgen um die Inneneinrichtung machen. Albus verschwand durch die Tür in sein Zimmer und James blieb im Flur stehen und steckte die Hände in die Hosentaschen. Als er in sein eigenes Zimmer zum Fenster sah hatte er eine kleine Aussicht auf das Gegenüberliegende Haus und dessen Bewohner derselben Etage. Dort wohnte das Fräulein von gestern und sie saß immer noch auf der gleichen Couch und unterhielt sich mit jemandem. Er fixierte die junge Frau und es war als wirkte sie gar nicht mehr so weit weg wie es eigentlich der Fall war. Als säße sie in seinem Zimmer – und der Gedanke behagte ihm. Er ging auf das Fenster zu und öffnete es. Ein eisiger Wind schlug ihm entgegen, der ihm ein Lied vom Winter erzählte. Mit zusammengepresstem Kiefer stand er da und blieb unschlüssig. Was sollte er denn machen? Rüber rufen? Konnte sie das überhaupt hören? Und selbst wenn, konnte sie ihn ja immer noch nicht sehen. Zudem wäre es megabescheuert und er würde sich zum Troll machen. Und was soll das auch geben? Sie ist ein einfacher Muggel, moserte er in Gedanken. Dabei war die Abstammung eines Menschen für ihn nie eine Streitfrage. Der Gast in ihrem Zimmer verließ den Raum und sie wechselte von der Couch an ihren Schreibtisch, der direkt vor dem Fenster stand. Es war als hätte sie sich ihm zugewandt. Seine Lippen wurden zu einer schmalen Linie und die Gedanken stoben wild durch seinen Kopf, aber ihr Ziel war eindeutig und es schrie nach dem verkümmerten Idioten aus Schulzeiten, der dem Hause Gryffindor zugeordnet gewesen war. Okay! Ohne weiter darüber nachzudenken griff er von seinem Arbeitsplatz ein Blatt Papier und begann in schnellster Krakelschrift eine Notiz drauf zu schmieren. Er durfte sich nicht zu lange damit aufhalten, sonst würden ihm noch ganz andere Dinge in den Kopf schießen und am Ende trat sein langweiliges ›Ich‹ wieder zu Tage. Versucht ordentlich, aber doch sehr hektisch und mit leicht zitternden Händen begann er das Blatt systematisch zu falten. Etwas, das er noch vor Hogwarts gelernt und immer als irgendwie nützlich gesehen hatte. Am Ende hielt er einen Papierflieger in den Händen und begutachtete ihn kennerisch. Nicht seine beste Arbeit, aber er würde fliegen können. Aber sollte er ihn auch fliegen lassen? Den Blick starr auf sie gerichtet, die ihn nicht sah, ihn nicht sehen konnte, egal, ob sie in irgendwelche Arbeiten vertieft war oder auf die Straße sehen würde, zielte er mit dem Papiervogel und blieb regungslos. Sollte er? »Was treibst du da?«, drang die irritierte Stimme seines Bruders an sein Ohr. »Ähm – wonach sieht’s denn aus?« »Nach etwas idiotischem.« Kurz ließ sich James die Worte durch den Kopf gehen. »Da hast du wahrscheinlich Recht.« Ohne darauf zu warten, dass Albus nach einer genaueren Erklärung verlangte, ließ er den Flieger starten. Im Nachhinein war ihm klar, wie undurchdacht dieser Versuch gewesen war. Sicherer wäre es gewesen, von einer höheren Stelle aus zu starten, denn eigentlich hätte der Flieger weit unter dem angestrebten Fenster landen müssen, durch den Abfall an Höhe. Doch der kalte kräftige Wind, der über den Platz zog, trug den Papiervogel den ganzen Weg bis zu ihr und ließ ihn im Spalt von Rahmen und Fenster landen. Selber überrascht blinzelte James herüber und nahm gar nicht mehr wahr wie sie den Flieger registrierte. Albus hatte sich neben ihn gestellt und sah an seiner Stelle dabei zu. »War das so beabsichtigt?« »Jupp« Schwungvoll wandte sich James vom Fenster ab und lief auf den Flur und die Treppe hinab. Vielleicht hätte er sich ein wenig mehr Zeit verschaffen sollen, aber es reichte für einen kurzen Stopp im Bad, um sich ansehnlich herzurichten. Mit der Hand noch einmal sicher durch das Haar warf er sich Mantel und Schal über. »Bin gleich zurück! Oder etwas später. Mal sehen«, verabschiedete er sich und trat raus in die eisige Kälte. Übermütig sprang er die Treppe runter und lief auf den kleinen Platz. Er war zu früh, aber anders ging es nicht. So konnte sie nicht ahnen, woher er kam und er war nicht gleich in Erklärungsnot. Den Kopf eingezogen und die Hände in den Taschen vergraben, blickte er zu ihrer Haustür. Es war nicht sicher, dass sie runter kommen würde, um ihn zu sehen. Immerhin waren sie sich gestern nur flüchtig begegnet und sie waren sich völlig Fremd – außer das sie eigentlich Nachbarn waren und er direkt gegenüber wohnte. Ein winziges Detail, dass er sich aufsparen würde. Aber vielleicht – und darauf hoffte er sehr – war sie neugierig wegen des ollen Papierfliegers und würde allein dafür schon runterkommen. Während er in Gedanken darüber sinnierte, wie lange es klug war zu warten und wann es bemitleidenswert wurde, verstrich die Zeit und die blaulackierte Tür des Wohnhauses öffnete sich. Seine Nachbarin, eingepackt in den gleichen Trenchcoat, den sie schon am vorherigen Tag angehabt hatte, trat heraus. Etwas wackelig stieg sie die Treppe hinab und war vollkommen darauf konzentriert. Erst als er auf sie zukam, bemerkte sie ihn und er meinte zu sehen wie sich ihre Augen für einen kurzen Augenblick weiteten. War sie überrascht? Vor ihr blieb er stehen und betrachtete das schöne Gesicht, das zu ihm aufschaute. Die dunklen Augen strahlten etwas Verträumtes aus. Ihre blassen Wangen gewannen einen leichten Rosaschimmer und ihr kastanienbraunes Haar war vom Wind leicht zerzaust. Es kostete James viel Selbstbeherrschung, sie nicht wie der letzte Volldepp anzugrinsen, sondern nur ein kleines charmantes Lächeln zu zeigen. »Hey«, war seine geistreiche Begrüßung, um die peinliche Stille zwischen ihnen zu durchbrechen. »Also, nach dem kurzen Zusammenstoß gestern, war ich der Meinung, wir sollten- Hast du Lust, mit mir eine heiße Schokolade bei Starbucks trinken zu gehen?« Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)