Tagebücher von Leira ================================================================================ Hiobsbotschaft -------------- Hallo! Ich möchte euch an dieser Stelle gleich mal danken für eure Kommentare! Ehrlich, ich danke euch sehr und ich freu mich unglaublich! Nun... mit diesem Kapitel fängt dann ganz heimlich still und leise der angekündigte Kriminalfall an, der sich dann über die nächsten Kapitel ziehen wird... zu viel braucht ihr heute allerdings noch nicht erwarten. Nun denn. Bis nächste Woche! Liebe Grüße, eure Leira ______________________________________________________________________ Kapitel 2: Hiobsbotschaft Das Frühstück am nächsten Morgen verlief schweigend. Er wusste, sie starrte ihn an. Immer wieder senkte sich ihr Blick, aber nicht für lange. Ran hatte ihn gestern nicht mehr angesprochen, sich schweigend neben ihn ins Bett gelegt. Sie hatte gehört, dass er nicht schlief. Seine Augen waren geschlossen gewesen, aber er war wach gewesen. Sie hatte neben ihm gelegen und an die Decke gestarrt, hatte nicht verhindern können, dass die Tränen von Neuem zu laufen begannen. Irgendwann war es ihm zuviel geworden. Der Schmerz, ihr zuzuhören, und einfach nur dazuliegen, nichts zu tun, erschien ihm zu grausam, auch ihr gegenüber. Er wollte ja nicht, dass sie so litt, jetzt, mal wieder wegen ihm. Eigentlich hatte er seine Ruhe haben wollen. Eigentlich hatte er schlafen wollen, ein wenig vergessen… obwohl er nicht glaubte, dass er in Morpheus Armen seliges Vergessen gefunden hätte. Der Gott des Traumes hätte für ihn wohl ein paar seiner schlimmsten Nachtmahre auf Lager gehabt. Also stellte er sich dem Alptraum seiner Wirklichkeit, seines Wachens, drehte sich zu Ran, legte seine Arme um sie, zog sie an sich und ließ sie weinen. Irgendwann war sie eingeschlafen, fest in sein Hemd gekrallt. Shinichi hatte die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Und nun saß er hier, beim Frühstück, hatte bereits die zweite Tasse extrastarken, schwarzen Kaffee intus und saß vor der dritten, und fragte sich, wie lange das noch so weitergehen sollte. Wie sie mit der Situation umgehen sollten. Nicht einmal ein Tag war um und sie beide waren schon am Ende. Vor ihm lag die Zeitung, aber seine Augen verharrten auf der Stelle. Er hörte, wie Ran ab und an mechanisch an ihrer Tasse nippte, hörte das Geräusch, wenn sie die Tasse abhob, leise schlürfte, schluckte, die Tasse wieder absetzte - und es machte ihn wahnsinnig. Er fuhr sich über die müden Augen, schluckte, schlug die Zeitung zu und schaute sie an. „Hast du Heiji schon angerufen?“ Ran verschluckte sich fast. Mit der Frage hatte sie nun so gar nicht gerechnet. „Ich meine... weil du ja deinen Eltern und dem Professor gestern schon... Bescheid gesagt hast...?“, fügte er unsicher an. „Nein.“, sagte sie dann. „Ich... bist du sauer? Dass ich gestern...“ Shinichi schüttelte den Kopf. „Nein. Nein, wirklich nicht, das ist schon gut so... und außerdem muss ich es jetzt ihnen nicht mehr sagen, ich sollte mich bei dir bedanken.“ Er lächelte traurig. Sie seufzte leise, strich sich über die Augen, holte Luft. „Ich... du warst einfach weg.“ Ran schluckte kurz. „Nach dieser Nachricht... ich hab jemanden um mich gebraucht, ich musste reden, ich brauchte... brauchte einen Rat, jemanden, der mir zuhörte, ich war geschockt, konnte gar nicht denken und du... du warst gegangen, ich wusste mir nicht anders zu helfen, ich...“ „Ran.“ Er legte den Kopf schief. „Es ist schon gut. Ich muss ja zugeben... dass es etwas unüberlegt war, einfach abzuhauen, aber ich habs einfach nicht mehr ausgehalten.“ Seine Stimme verlor sich zu einem Flüstern. „Und wie gesagt, ich danke dir dafür...“ Ran schaute ihn bekümmert an. „Nun... also... nichts zu danken. Aber zu deiner Frage noch mal... Heiji hab ich nicht angerufen. Ich nahm an... nahm an, du möchtest es ihm selbst sagen.“ Shinichi blinzelte. „Danke für deine Umsicht.“ Dann schüttelte er allerdings sacht den Kopf. „Was Heiji betrifft... Ich werd’ ihm gar nichts sagen.“ Ran schaute ihn verwirrt an. „Und du auch nicht.“, setzte er hinzu. „Bitte.“ Ran setzte nun ihre Tasse, die sie mit beiden Händen gehalten hatte, ab. „Aber… er ist dein bester Freund…!“ Shinichi schaute ihr ins Gesicht, fixierte sie mit seinen blauen Augen. Ran schluckte, rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Sie ahnte, was er vorhatte, und es gefiel ihr nicht. „Ja, und genau deshalb will ich, dass er es nicht weiß. Weil er mein Freund ist. Ich will ihn nicht auch noch belasten damit... Dir musste ich es sagen, du bist meine Verlobte, meine Freundin… wir leben zusammen… ich wollte dir gegenüber mit offenen Karten spielen. Aber… Heiji - das muss nicht sein. Ich will nicht, dass er sich Sorgen macht. Dass er am Ende noch ein schlechtes Gewissen kriegt oder so…“ Er leerte seine Tasse auf einen Zug. „Ich will einfach nicht, dass sich an unserem Verhältnis, unserer Freundschaft, etwas ändert. Ich will nicht, dass über allem dieser Schatten hängt…“ Ran seufzte, griff nach seiner Hand, drückte sie. Sie verstand ihn ja... aber guthieß sie seine Idee dennoch nicht. Allerdings stand sie zu ihm; er musste wissen, was er tat. „Ist gut. Du kannst dich auf mich verlassen… von mir wird er nichts erfahren.“ Er warf ihr einen fragenden Blick zu. „Keine Bange. Kazuha auch nicht…“ Er nickte, schaute auf die Tischplatte. „Shinichi…?“ Ihre Stimme klang sanft. Shinichi blickte auf. „Ich liebe dich…“ Er lächelte traurig. „Ich dich auch… und ich hätte… hätte auch dir das gern erspart…“ Ran schüttelte sacht den Kopf. „Mach dir keine Sorgen. Ich komm schon… klar.“ Sie wischte sich eine kleine Träne aus dem Augenwinkel. Er sagte nichts mehr. Shinichi spürte ihre Blicke im Rücken, als er die Wohnung verließ. Er wusste, sie machte sich Sorgen. Wahrscheinlich hatte sie sogar Angst, er würde Abends nicht wiederkommen. Logisch betrachtet war diese Angst unbegründet, ja... aber wer dachte in dieser Situation logisch...? Shinichi schluckte, seufzte, drehte sich am Gartentor noch einmal um, den Autoschlüssel bereits in der Hand. „Ran... Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“ Sie nickte tapfer. „Das weiß ich.“ „So siehst du aber nicht aus…“ Sie seufzte, holte tief Luft. „Mach dir keine Sorgen. Ich komm schon klar.“ Shinichi schaute sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Er glaubte ihr kein Wort. „Bis heute Abend…“, murmelte er schließlich. Er hatte keine Lust auf Diskussionen. Er versuchte ein Lächeln. Sie versuchte es auch. Und sie beide scheiterten kläglich. Dann ging er auf die Straße hinaus, stieg ins Auto. Und Ran drehte um, holte ihre Aktentasche, um in die Kanzlei zu fahren. Das Gefühl der Beklemmung ließ sie den ganzen Tag nicht los - sie konnte von Glück reden, dass sie keinen Fall zu verhandeln hatte. Egal was es gewesen wäre - sie hätte ihn wohl verloren. Mittlerweile war früher Abend – die Dämmerung begann Tokio mit einer sanften Decke zuzudecken. Shinichi trabte stumm neben Kommissar Meguré her, hing seinen Gedanken nach. Der Fall war aufreibend gewesen. Ein Mordfall, allein das wäre noch nicht so schlimm gewesen. Aber die Art und Weise, wie der Täter zu Werke ging, war grauenhaft. Und noch grauenhafter war, dass es ein Serientäter war, und sie ihn noch nicht schnappen konnten. Er seufzte. Er wusste, er war nicht bei der Sache gewesen, und er wusste, dass Meguré das wohl aufgefallen war. Darüber reden wollte er nicht. Er wollte nicht, dass das das Präsidium Bescheid wusste. Noch nicht. Es reichte, sich eine Erklärung zu Recht zu schustern, wenn er irgendwann den ersten Fall ablehnen würde. Sie wussten nichts von Conan, und so sollte es bleiben. Um Kogorôs Willen. Hinter ihm ging Takagi, und erzählte mit glänzenden Augen von Minako, seiner kleinen Tochter. Minako war jetzt ein halbes Jahr alt. Er und Miwako hatten letzten Sommer geheiratet - und der Nachwuchs hatte nicht lange auf sich warten lassen. Shinichi schwieg sich aus. Ihm war gerade ein weiterer Abschnitt seines Lebens bewusst geworden, den er nicht mehr erleben würde. Er würde wohl nie Vater werden. Sie hatten nie gesprochen, über Kinder; aber er wusste, Ran hätte gern eine Familie gehabt. Sie war der Typ für so was. Sie wäre eine wundervolle Mama geworden. Er hatte keine Ahnung, wie er als Vater ausgesehen hätte, aber er hätte es gern versucht. Er hätte bestimmt sein Bestes gegeben. Nun. Ob er als Vater versagen würde… darüber brauchte er sich jetzt keine Sorgen mehr zu machen. Soweit würde es nie kommen. Die Hände tief in die Taschen seines Jacketts vergraben, stapfte er weiter, schluckte bitter. Das Leben war nicht fair. Es war einfach nicht fair. „Shinichi?“ Takagi tippte ihn auf die Schulter, hielt ihm ein Foto von einem Baby vor die Nase. „Sie ist unheimlich süß, nicht?“ Shinichi blinzelte, starrte ihn an. „Ganz die Mama.“, murmelte er dann, zwang sich zu einem Lächeln. Takagi konnte ja nichts dafür. Er sollte sich für ihn freuen, er hatte lange und hart genug um Miwako gekämpft. Aber es gelang ihm nicht. Und so blieb es bei einem künstlichen Hochziehen der Mundwinkel, was Takagi nicht weiter auffiel, weil er nur Augen für sein Töchterlein hatte. Jemand anderem fiel es auf. Jûzô Meguré schaute ihn nur an, sagte nichts. Ihm war Shinichis Verhalten aufgefallen. Sein künstliches Lächeln, diese freudlose, gewollte Geste, fügte sich nahtlos ein. Er würde abwarten, ob das nur eine kurze Phase war - einen schlechten Tag hatte jeder Mal. Aber er fürchtete, dass hinter Shinichis Stimmungswandel, hinter seiner Unkonzentriertheit, ein anderer Grund steckte. Ein ganz und gar unerfreulicher Grund. Er wusste nur nicht, was. Schweigend gingen sie weiter, zurück ins Präsidium. Die Sonne ging unter, als Shinichi den Wagen wieder vor dem Haus abstellte. Er stutzte, als er sah, wer ihn am Tor zum Kudô-Anwesen erwartete. Es war nicht Ran. Es war Shiho. Sie stand da, ihre Augen rot geweint. Shinichi stieg aus, schlug sanft die Autotür hinter sich zu, schloss ab. Verwirrung machte sich in ihm breit. Er verstand sie nicht. Sie hatte doch gewusst, was los war, seit Wochen schon. Schon vor allen anderen hatte sie gewusst, dass er sterben würde. Sie war die Erste gewesen, die es erkannt hatte, und hatte es ihm mit erstaunlicher Distanziertheit beigebracht. Höchst professionell - aber in dem Zusammenhang war ihre Kühle für ihn wie ein Schlag ins Gesicht gewesen. Was sie veranstaltet hatte, war würdig eines Arztes gewesen, der seinen Patienten die schlimmste aller Nachrichten überbringt. Aber sie war nicht sein Arzt. Sie war seine Freundin. Von ihr hätte er sich… etwas anderes erhofft. Deswegen… verstand er es nun nicht. Er hatte sich vor einiger Zeit noch über ihre Kälte geärgert, sie als unmenschlich bezeichnet, ihr das auch vorgehalten. Er hatte mehr Mitgefühl von ihr erwartet. Sie hatte es abgetan und war gegangen. Hatte ihm gesagt, er würde sterben, bald, mit einer Miene, die keine Gefühlsregung zeigte, hatte sich seinen Vorwurf über ihr Verhalten angehört, hatte mit den Schultern gezuckt und war ohne ein weiteres Wort verschwunden. Das war der Zeitpunkt gewesen, an dem er an ihrer Freundschaft gezweifelt hatte. An dem er sich von ihr zurückgezogen hatte... ihren Kontakt auf ein Minimum beschränkt hatte. Er wusste nicht mehr, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Und jetzt stand sie hier, vor seinem Haus, völlig aufgelöst. „Shiho?“ Er sprach ihren Namen sehr leise aus. „Shiho, was ist los…?“ Sie hob den Kopf, starrte ihn an. In ihren Augen stand die Schuld. Schmerz. Und langsam dämmerte es ihm. Langsam ging ihm auf, dass ihr auf-Abstand-bleiben nur dem einen Zweck gedient hatte - sich selbst zu schützen. Dieses Einmauern, diese Gefühlskälte, hatte nur diesen einen Sinn gehabt… es nicht zu nahe an sich ran kommen zu lassen. Weil es sie an den Rand des Wahnsinns brachte. Wie es aussah, hatte irgendetwas nun aber ihre Mauern eingerissen. Und jetzt… jetzt tat ihm das Leid. Nun hatte er noch einen Menschen mehr, um dessen Wohl er sich sorgen musste. Er hatte geglaubt, Shiho käme klar. Offensichtlich… offensichtlich war dem nicht so. Offensichtlich lag ihr viel mehr an ihm, als sie je hatte durchblicken lassen. Und nun gab sie sich die Schuld an seinem Schicksal. Lange sagten sie nichts. Lange starrten sie sich nur an, warteten darauf, dass der andere den ersten Schritt tat. Schließlich war sie es, die das Schweigen brach. „Ich war heut noch mal bei Ran…“ Ihre Stimme klang brüchig. Und dann brach es aus ihr heraus. „Es ist meine Schuld! Herrgott, Shinichi, es ist meine Schuld! Dass du sterben musst, dass sie so leiden muss, dass ihr beide nicht das Leben bekommen werdet, das ihr verdient - ich bin schuld! Ihr solltet mich hassen! Hassen!!!“ Die letzten Worte hatte sie geschrieen. Er sah ihren inneren Kampf, erkannte, wie sehr sie um ihre Fassung rang. Die Schlacht dauerte nicht lange; sie verlor sie mit wehenden Fahnen, hatte keine Chance. Die rotblonde Forscherin fing an zu schluchzen, dann gab es kein Halten mehr. Ihr schmaler Körper bebte, ihre Schultern zuckten, sie lehnte gegen die Mauer und japste nach Luft, weinte wie noch nie in ihrem Leben, während sie unter Tränen mehr zu sich selbst als zu ihm sprach. „Meine Schuld, alles, alles, meine Schuld… warum trifft es dich? Warum nur trifft es dich?! Warum nicht mich, ich hätte es verdient, verdammt, ich… ich hätte es verdient… stattdessen…“ Er starrte sie an, wusste nicht, was er sagen oder tun wollte. Shiho stand vor ihm, starrte auf seine Füße, ihre Hände in die Mauer gekrallt und verfluchte sich selbst, weinte und schluchzte. Sie sah so unendlich verletzt aus. Passanten, die vorbeigingen, schauten sie verwirrt an. Shinichi trat einen Schritt nach vorne, wollte ihr ins Gesicht schauen, aber sie wandte jedes Mal den Blick ab. „Shiho, bitte, was du sagst ist doch Unsinn… du bist nicht…“ „Halt die Klappe!!“ Sie warf ihm einen zornfunkelnden Blick zu, der sofort in Verzweiflung umschlug, wandte den Blick wieder ab. „Hör auf, so mit mir zu reden, verdammt! Warum schreist du mich nicht an? Warum verfluchst du nicht den Tag, an dem ich geboren wurde? Warum bist du immer noch so nett zu mir, wegen mir…“ „Shiho, jetzt hör mal…“ „HÖR AUF!“, fauchte sie ihn an. Sie hob den Kopf wieder, ihre Augen schwammen in Tränen. „Hör auf, hör auf, hör auf…! Hör auf so gut zu mir zu sein, ich bitte dich…“ Sie hustete, versuchte sich zu sammeln und scheiterte kläglich. Immer mehr Schluchzer schüttelten sie. „Du bist so ein verdammter Gutmensch, es ist schrecklich! Warum kannst du mich nicht als das sehen, was ich bin? Du erkennst doch einen Mörder, wenn er vor dir steht, oder etwa nicht?!“ Shinichi zuckte zusammen, starrte sie fassungslos an. Sie schien seine Reaktion allerdings nicht zu bemerken. „Warum hasst du mich nicht… ich bitte dich, hasse mich… damit kann ich besser leben als mit deinem Verständnis… Du solltest das nicht verstehen müssen. Du solltest das nicht ertragen müssen…“ Sie wimmerte, legte ihre Hand auf ihren Mund, kniff die Augen zusammen. Er wollte ihr eine Hand auf den Arm legen, aber sie schlug ihn beiseite. Shinichi seufzte, war mit seinem Latein am Ende. Es war klar, dass sie sich von ihm nicht beruhigen lassen würde. Dann hörte er, wie die Tür aufging, eilige Schritte auf dem Pflaster, das zum Tor führte. „Shiho!“ Ran. Offensichtlich hatte sie sie vom Fenster aus gesehen; ihre Stimme klang besorgt. Von der anderen Seite näherten sich ebenfalls Schritte. „Shiho…“ Der Professor. Shinichi warf ihnen einen Blick zu - dann stürzte er nach vorn, als er merkte, wie die rotblonde Frau zu Boden rutschte. Vorsichtig nahm er sie unter den Achseln - Ran nahm den einen Arm, er den anderen, und so führten sie sie zurück ins Haus des Professors. Der schritt neben ihnen her, betrachtete die immer noch weinende Frau betrübten Blickes. „Was - was war denn los…? Was ist mit ihr passiert? Sie wusste es doch… ich dachte, sie packt das…?“, fragte er verwirrt. „Anscheinend haben Sie sich getäuscht, Professor Agasa. Anscheinend – haben wir uns alle getäuscht. Ich eingeschlossen.“ Shinichi presste die Lippen aufeinander. „Himmel, das hätte ich doch merken müssen. Ich weiß doch eigentlich, dass sie nur immer so stark tut…“ „Tja. Sie hat ihre Rolle überzeugend gespielt…“, murmelte Agasa. „Aber warum ist sie jetzt eingebrochen?“ Ran schluckte, schaute Shinichi an, dann den Professor. Sie schluckte, räusperte sich. „Sie ist heute vorbeigekommen… sie wollte sich erkundigen, wie’s dir geht… und mir… sich entschuldigen… wollte, dass... Sie sagte, sie hätte dich umgebracht...“ Shinichi zuckte zusammen. Ran starrte ihn entschuldigend an. Sie las seine Gedanken in seinem Gesicht, sah seine zusammengekniffenen Lippen, den starren, ernsten Blick in seinen Augen. „Nun sie… sie wollte reden und … und ich… ich bin wohl…“ „Zusammengebrochen.“, bemerkte er, bemühte sich um einen sachlichen Tonfall. Mittlerweile bereute er es, sie alle eingeweiht zu haben. Zu sehen, wie er sie alle mit sich in den Abgrund riss, machte ihn fast wahnsinnig. Das gab seinem eigenen Leiden, seiner persönlichen Tragödie, noch ganz andere Dimensionen. Ran nickte, ihre Wangen wurden rot. „Ich habs… ich habs nicht ausgehalten. Ich hab mich an ihrer Schulter ausgeweint. Ich hab ihr nichts vorgeworfen… das war sie dann selber...“ Sie blickte ihn aus flehenden Augen an. „Wirklich, ich hab nichts gesagt! Ehrlich nicht! Und ich wollts ihr auch ausreden! Ich weiß doch, dass sie…“ Sein Blick war besänftigend. „Das weiß ich doch.“ Dann waren sie beim Professor angekommen, betraten das Haus und legten Shiho auf das Sofa. Ihr rannen immer noch stumm die Tränen übers Gesicht. „Warum muss das passieren… warum gerade du… warum ich nicht…“ Sie klang heiser. Shinichi schüttelte den Kopf. „Du kennst das doch... man nennt es Schicksal.“ Bitterkeit spiegelte sich in seinen Augen. „Und du solltest dir auch nichts vorwerfen, ich bitte dich. Du hast mir das Gift nicht gegeben. Man hat dich gezwungen, es herzustellen - du hast das nicht freiwillig gemacht, und du wolltest niemanden töten. Du kannst nichts dafür. Das ist… das ist… etwas…“ Er seufzte, strich ihr eine nasse Haarsträhne aus den Augen, setzte sich auf die Tischkante. „Es ist... wie es ist... Man kann es nicht ändern. Also… gib dir nicht die Schuld. Sieh lieber zu, dass dir nicht das Gleiche passiert…“ Er lächelte traurig. Er merkte, wie sich Ran neben ihm niederließ, sich an ihn lehnte. „Das Leben ist nicht fair. Das wissen wir doch alle…“ Er versuchte zu lächeln, ironisch, aber es wirkte trotzdem wie eine Farce. Ran vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. Shiho wandte den Kopf ab, drehte ihm den Rücken zu, ihre zitternden Schultern verrieten ihnen, dass sie leise weiterweinte. Professor Agasa stand da, schaute ihn an, seine Augen dunkel von Kummer. „Ja…“, murmelte der alte Mann. „Das wissen wir.“ Als sie zurück ins Haus kamen, waren seine Eltern da. Er starrte sie an, immer noch aufgewühlt von Shihos Verhalten, brauchte ein paar Sekunden, ehe er realisierte, warum sie überhaupt da waren. Als er dann soweit war, wurden seine Gedankengänge auch schon unterbrochen. „Wäre es zuviel verlangt gewesen, uns vom Flughafen abzuholen, wenn wir schon unbedingt hierher kommen müssen? Ich hab extra die Buchtour meines neuesten Romans…“, begann Yusaku genervt. Shinichi schluckte, schaute ihn an, es war offensichtlich, dass er heute keinen Sinn für Sticheleien hatte. Seine Miene wurde immer finsterer. Ran neben ihm starrte ihn nur an, fühlte sich, als ob sie neben einem Pulverfass stand. Der Vergleich an sich war nicht schlecht. „Sind dir deine dummen Bücher schon wieder mal wichtiger?“, wisperte er leise. Seine Stimme klang gefährlich. Yusaku hielt inne, bedachte seinen Sohn mit einem einigermaßen wütenden Blick. „Sag mal, wie redest du…“ Shinichi atmete tief durch, streckte seine zur Faust geballten Finger mehrmals. „Ich hab euch gebeten, herzukommen, so schnell wie möglich, weil ich euch etwas Wichtiges, sehr Wichtiges sogar, mitzuteilen habe. Und zwar persönlich. Allein das müsste dir zu denken geben. Stattdessen stehst du hier und blaffst mich an wegen irgendwelcher Buchpromotionstouren. Wenn dir das Zeug wichtiger ist, warum bist du dann nicht…“ „Hört auf…!“ Yukiko stellte sich zwischen die beiden, funkelte zuerst den einen, dann den anderen warnend an. Ran griff nach Shinichis Arm. „Gehen wir doch in die Küche…“ Sie zog Shinichi mit sich, fühlte seine kalten Finger in ihrer Hand, drückte sie sacht. Er warf ihr einen Blick zu. Er sah furchtsam aus. Er hatte Angst, und er war nervös - und sie wusste, er wollte ihnen das, was er ihnen gleich sagen würde, lieber nicht erzählen. Er hatte nur keine Wahl. Sie setzten sich um den Tisch. „Also, was gibt es nun…?“ Yusaku klang besänftigt. Ihm war nicht entgangen, dass Shinichi immer bleicher geworden war. Ganz davon abgesehen, dass er schlecht aussah. Erschöpft. Übermüdet. Krank. Shinichi schaute ihn an. Er öffnete den Mund- Und schloss ihn wieder. „Ich kanns nicht.“ Er flüsterte es nur. Lehnte sich zurück, sank merklich auf seinem Stuhl zusammen. Ran schaute ihn an, strich ihm über die Schläfe. Sein Atem ging flach, seine Hände wurden noch kälter, sein Magen war flau. Schließlich war es Yukiko, die das Wort ergriff. „Ist es was Schlimmes?“, flüsterte sie fragend. So wie sich ihr Sohn benahm, drängte sich ihr die Frage förmlich auf. Shinichi nickte nur. Yusaku lehnte sich nach vorne, jegliche Genervtheit war von ihm gewichen. Er war angespannt, und irgendetwas sagte ihm, dass hier wirklich etwas Ernstes passiert war. Yukiko seufzte bedrückt, schaute ihn besorgt an. „Sags einfach. Egal was es ist, egal, was du ausgefressen hast… wir sind deine Eltern, wir werden dir helfen, wir kommen klar… Egal was es ist, es wird sich bestimmt regeln lassen, sich wieder einrenken…“ Er starrte sie an. „Nein, das glaub ich nicht.“ Seine Stimme klang brüchig, er räusperte sich. Yusaku musterte ihn besorgt. Mittlerweile bereute er es ernsthaft, ihn so anmeckert zu haben. Hier war etwas ganz und gar nicht in Ordnung, das war mehr als offensichtlich. „Shinichi…?“ Shinichi schüttelte hilflos den Kopf. Da saßen sie, die zwei Menschen, die ihm sein Leben geschenkt hatten - deren Liebe zueinander er es zu verdanken hatte, dass er existieren durfte; und er musste ihnen jetzt sagen, dass… dass ihr einziger Sohn… Ran konnte sich nur ansatzweise vorstellen, wie schwer es für ihn war. Sie drückte seine Finger. „Soll… soll ich… es…?“ Ihre Stimme bebte. Er drehte den Kopf, blickte sie liebevoll an. Dann schüttelte er ihn langsam. „Nein.“ Er holte tief Luft. „Ich… ich muss das selber… machen. Aber Danke…“ Dann wandte er sich wieder seinen Eltern zu. „Ich… es… es tut mir Leid, euch das…“ Yukiko wurde bleich. Unwillkürlich tastete sie nach Yusakus Hand, fasste sie, klammerte sich fest. Shinichi schluckte, strich sich über die Augen. Er zitterte, er merkte, wie sein Kreislauf langsam absackte, wie die Nervosität, die Angst, der Schmerz ihn von innen her auffraßen. Irgendetwas schnürte ihm die Kehle zu. „Ich…“ Er brach ab, als ihm seine Stimme ihren Dienst versagte. Einfach kippte, brach. Unwillkürlich griff er sich an den Hals. Verzweiflung machte sich ihn ihm breit. Er wollte das nicht tun. Er wollte es ihnen nicht sagen. Er wollte ihnen nicht sagen, dass ihr Sohn, ihr einziges Kind, vor ihnen sterben würde. Beklommen starrte er auf die Tischplatte, biss sich auf die Lippen, bis er Blut schmeckte. „Shinichi…“ Der Angesprochene schaute unsicher auf. Yusaku beugte sich vor, schaute seinem Sohn fest in die Augen. „Sag es. Sag es schnell, was immer… was immer es auch ist. Dann hast du’s hinter dir. Kümmere dich nicht um die Konsequenzen, wenn du sie nicht vermeiden kannst…“ Shinichi nickte langsam, brach jedoch den Blickkontakt wieder. Er konnte ihm bei den Worten, die er ihm gleich entgegen werfen würde, nicht ins Gesicht sehen. Es ging einfach nicht. „Ich werde sterben. In ungefähr… sechs… sechs Monaten….“ Dann schlug er sich die Hand vor den Mund, als hoffe er, dadurch sein Geständnis wieder rückgängig machen zu können. Yukiko starrte ihn wie vom Donner gerührt an. Dann wanderte ihr Blick zu Ran. Ihr liefen mittlerweile die Tränen übers Gesicht. Sie nickte langsam, beantwortete damit Yukikos unausgesprochene Frage. Die blonde Frau brach in Tränen aus, formte mit ihren Lippen ein lautloses Warum. Shinichi sah es nicht. Sein Kopf war nach vorne gesunken, seine Augen blicklos. Er schwieg. Yusaku starrte ihn lange einfach nur an. Sagte nichts. Rührte sich nicht. Nach minutenlangem Schweigen schließlich… „Das kann nicht dein Ernst sein.“ Er atmete hörbar aus. Shinichi hob langsam den Kopf, schaute ihn nur traurig an. „Doch. Ist es.“ Die Worte kamen schleppend, so als weigerten sich seine Lippen, sie auszusprechen. „Nein.“ Yusaku schüttelte den Kopf. Er war bleich geworden in den vergangenen Minuten, schien um Jahre gealtert zu sein. Ihm war schlecht, in ihm erwachte ein Gefühl von Schmerz, das er so noch nie gespürt hatte, als er begriff, was Shinichis Worte bedeuteten. Doch gleichzeitig machte sich in ihm eine unbeschreibliche Wut breit. Wut, weniger auf seinen Sohn, als auf dessen Schicksal – aber dem Schicksal konnte er nichts vorwerfen. Seinem Sohn schon. Auch wenn es ungerecht war. „Vater…“ „NEIN!“ Yusaku schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Shinichi zuckte zusammen, rutschte unwillkürlich auf seinem Stuhl zurück, blickte ihn erschrocken an. Ran schaute ihn aus tränennassen Augen ebenfalls ängstlich an, und Yukiko… Yukiko wollte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter legen, doch ihr Mann wehrte sie unwirsch ab. „Was hast du diesmal angestellt, verdammt?! Du wirst nicht-…“ Seine Stimme überschlug sich fast. „Doch.“ Shinichi schluckte - er wandte seine Augen nicht vom Gesicht seines Vaters ab. Yusaku war weiß vor Zorn, war sichtlich aufgebracht. Er konnte es nicht verstehen. Wollte es auch nicht. Das war nicht richtig, was hier lief. Es war einfach nicht richtig. Yukiko wollte vermitteln. „Aber, Shinichi… was… was ist es denn? Bist du krank? Was fehlt dir denn…? Kann man es denn nicht… behandeln…?“ Shinichi seufzte, fuhr sich mit einer kalten Hand über das Gesicht. „Nein, ich bin nicht krank. Nicht… wirklich. Und glaubt mir, man kann es nicht behandeln…“ „Was ist es dann, das dich umbringt, verdammt?!“ Yusakus Stimme war laut geworden. Shinichi versuchte sich nicht provozieren zu lassen, schließlich ahnte er, warum sein Vater so reagierte, er verstand es, auch wenn es ihn aufregte. Also versuchte er, sich unter Kontrolle zu halten, aber es kostete ihn Mühe. „Es ist das Gift von damals…“ „Aber Shiho kann da doch sicher…!“, begann Yukiko hoffnungsvoll. „Shiho hat dir doch das Gegengift auch schon gemacht, sie kann dir sicher helfen, bei was auch immer… sie kennt sich da doch aus, das ist doch ihr Gift…!“ Sie redete weiter wie ein Wasserfall, immer mehr Sätze verließen ihre Mund, sturzbachartig, immer mehr Vorschläge und Ideen, wie man ihn retten könnte, eine so vergeblich und umsonst wie die andere. Irgendwann reichte es ihm. „Kannst du aufhören?!“ Shinichis Stimme war nicht besonders laut, aber fest. Sein Vater starrte ihn wütend an. „Wie redest du mit deiner Mutter? Und du brauchst nicht glauben, dass ich einfach so zulasse, dass du-“ „Es geht hier nicht darum, ob du etwas zulassen willst oder nicht…“, begann Shinichi ruhig, wurde jedoch gleich wieder von Yusaku unterbrochen, der aufgestanden war. „Seit wann gibst du gleich auf?! Seit wann wirfst du gleich von Anfang an die Flinte ins Korn, verdammt-! Du musst dagegen kämpfen!“ Shinichi schluckte, stand ebenfalls auf. Langsam, begeleitet von dem scharrenden Geräusch, das der Stuhl verursachte, als er über den Boden nach hinten rutschte. „Das hat nichts mit… mit aufgeben zu tun. Und seit wann denkst du, du könntest über mein Leben bestimmen, mir sagen was ich tun und lassen soll… die Zeit, in der das noch ging, hast du verschenkt. Wer wollte den in die Staaten, als ich dreizehn war…?“ Yusaku schüttelte vehement den Kopf. Eine innere Stimme flüsterte ihm, dass alle Worte hier nichts mehr halfen. Er kannte doch seinen Sohn, er würde nie so was in den Raum stellen, würde es nicht wirklich den Tatsachen entsprechen. Aber etwas in ihm weigerte sich, diese Wahrheit zu akzeptieren. Und zwar der Vater, der in ihm steckte. Der Vater, der seinen Sohn liebte, ihm vertraute, stolz auf ihn war. Der Vater, der eher sein eigenes Leben geben würde, als das seines Sohnes schwinden zu sehen. Er wollte sich nicht dem Gefühl der Ohnmacht, des Schmerzes und des Verlusts aussetzen, das Shinichis Schicksal in ihm auslöste. Er wollte seinen Sohn nicht sterben sehen. Ihn nicht sterben lassen. Also ignorierte er Shinichis bissige Bemerkung, ignorierte die Stimme in seinem Kopf, die ihm beharrlich sagte, das sein Sohn die Wahrheit sagte, und zwar die endgültige Wahrheit; und fuhr ungerührt fort mit seinen Vorwürfen. „Warum willst du dir nicht helfen lassen!? Warum bist du so stur?“ Shinichi schaute ihn traurig und wütend zugleich an. Warum musste er es denn nun auch noch schlimmer machen, als es war? Warum konnte sein Vater es nicht einfach akzeptieren…? „Es geht nicht darum, dass ich mir nicht helfen lassen will. Aber ihr habt, entschuldigt bitte, keine Ahnung…“ Er versuchte, ruhig zu bleiben. Atmete tief ein und aus, merkte, wie sich ein unangenehmes Pochen in seinem Kopf bemerkbar machte, widerstand dem Drang, sich die Schläfen zu massieren. „Dann lass dir doch helfen! Wir wollen dich nicht verlieren, dass muss dir doch klar sein…“ Yukikos Stimme war zärtlich. Ihre mütterliche Fürsorge gab ihm fast den Rest. Shinichi schloss die Augen. Ein leichtes Übelkeitsgefühl bemächtigte sich seiner; er atmete weiter tief durch, versuchte es wieder niederzuringen. „Shinichi, das kannst du doch nicht wollen…! Du kannst doch nicht…!“ Sein Vater klang immer noch wütend. Anklagend. „Du tust ja gerade so, als wäre ich scharf drauf, zu sterben…“ Es war nur ein Satz. Nur ein paar Wörter, aber die trafen mitten ins Schwarze. Yusakus Wut verflog augenblicklich, als er diese Bitterkeit in seiner Stimme vernahm. Diesen Schmerz. Er wich zurück. Shinichi starrte ihn an, der Blick in seinen Augen hatte etwas Furchteinflößendes. Bitter. Geschlagen. Kampfesmüde... und unglaublich verzweifelt. So hatte er seinen Sohn noch nie gesehen. Und die Worte, der Tonfall, in dem Shinichi in den nächsten Minuten zu ihnen sprechen würde, würde Yusaku Kudô sein Leben lang nie vergessen. „Was denkst du eigentlich von mir?! Glaubst du nicht, ich hätte bereits alles versucht?! Ich bin vierundzwanzig, glücklich liiert, erfolgreich in meinem Beruf, warum glaubst du, würde ich sterben wollen, hm? Kannst du mir das sagen?! KANNST DU DAS?“ Er schrie, atmete schwer. Die Verzweiflung und der Schmerz, den er seit Tagen schon in sich trug, suchten sich in diesem Moment ein Ventil. „Shinichi, bitte… bitte beruhige dich…“ Ran blickte ihn einigermaßen erschrocken an, ließ seine Hand los, griff seinen Arm, wollte ihn wieder auf den Stuhl ziehen, ihm beruhigend zureden, doch er schüttelte ihre Hand ab, hörte ihre Stimme nicht. Shinichi schaute seinen Vater abwartend an, ohne zu blinzeln. Er war kalkweiß im Gesicht, seine Augen schienen fiebrig zu glänzen. Er war aufgewühlt, frustriert, wütend. Man sah ihm an, wie sehr ihn das Wissen um sein Schicksal fertig machte. Als keine Antwort kam, beantwortete er sich seine Frage selbst. „Das kannst du nicht, hab ich Recht? Das kannst du nicht...“ Er biss sich auf die Lippen, fuhr sich mit einer Hand über die Augen, mit der anderen stützte er sich schwer auf dem Tisch ab. „Soll ich dir was sagen? Genau wie du dachte ich vor ein paar Wochen auch noch. Ich wollte es auch nicht wahrhaben. Aber mittlerweile war ich bei drei Ärzten, und sie sagen alle das Gleiche! Es tut uns schrecklich Leid, Herr Kudô, aber was sie umbringt, kann keiner aufhalten. Sie sind absolutes medizinisches Neuland…“ Er keuchte. Yusaku und Yukiko starrten ihn entsetzt an. „Was glaubt ihr denn?! Seitdem ich wieder der Alte bin, kommen sie - die Anfälle, die Schmerzen. Keiner hat es mitbekommen, weil ich nicht wollte, dass es jemand merkt. Immer wenn sich einer ankündigte, ging ich. Sie kamen ja eigentlich auch selten genug, kaum der Rede wert. Ich dachte, damit müsste ich leben, ich dachte, das wäre einfach... eine Nebenwirkung, die ich nicht mehr loswerde. Und auch Ai - Shiho… sie konnte es sich zunächst nicht anders erklären. Ich lebte jahrelang mit dem Gedanken, das wäre die kosmische Strafe für meine Verfehlungen. Dann wurde es schlimmer, die Schübe häuften sich. Auf Shihos Rat ging ich zu einem Arzt, einem Spezialisten - und der stellte fest…“ Er lachte bitter auf, starrte an die Decke, bevor er weiter sprach. „… dass meine Zellen sich umbringen. Langsam, aber beständig. Jedes Mal ein paar mehr, bei jedem neuen Anfall. Das Gegengift verhindert, dass ich wieder ins Kindesalter falle - aber den Rest, das Zellsterben, kann es nicht verhindern. Die letzten Jahre konnte die Telomerase, gestützt durch das Gegengift, noch halbwegs Schritt halten, auch wenn sie ständig abbaute - denn je älter ich werde, desto mehr nimmt die Zellteilung ab. Das ist der Lauf der Dinge. Irgendwann wird der Punkt erreicht sein, wo mehr Zellen sterben, als neue entstehen. Und das geht dann so weiter… bis ich eines Tages...“ Er brach ab. Fasste sich langsam wieder, atmete tief durch. Der Glanz in seinen Augen verschwand, seine Gestalt sackte zusehends in sich zusammen. „Dieser Zeitpunkt wird… wird… so ungefähr in einem halben Jahr erreicht sein. Das Zellsterben nimmt nämlich… zu. Exponentiell.“ Er brach ab, fuhr sich übers Gesicht, räusperte sich. Dann setzte er von Neuem an. „Das sagte Shiho - und das sagte auch der Spezialist. Und ihr hättet den Arzt sehen sollen. Sagenhaft, wie weiß ein Mensch im Gesicht werden kann.“ Er schluckte. „Ich denke, doch, es tat ihm Leid. Mir sagen zu müssen, dass er den programmierten Selbstmord meiner Zellen nicht aufhalten kann. Dass es nichts gibt, was den Zerstörungswillen meines Körpers bremsen kann. Natürlich wollte ich es auch dann noch nicht wahrhaben, ich dachte, das kann nicht sein - bin zu zwei weiteren Ärzten gegangen, bei beiden mit demselben Ergebnis. Ich kann Medikamente nehmen, damit es nicht ganz so… qualvoll… wird, aber heilen – nein. Heilung gibt es nicht mehr. Ich hab noch ein halbes Jahr, dann gehen die Lichter aus.“ Er setzte sich wieder hin, vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Er spürte Rans Atem an seinem Hals, als sie ihre Stirn gegen seinen Kopf lehnte, einen Arm um seine Schultern legte. Kurz hob er den Kopf noch einmal, schaute zu seinem Vater und seiner Mutter auf. Seine Augen waren gerötet. „Ihr habt keine Ahnung, wie das ist, also redet nicht. Es lässt sich nicht ändern, also lasst mir verdammt noch mal meine Ruhe damit. Ich will nicht ständig daran denken. Ich will die Tage nicht zählen…“ Er seufzte. „Ich wollte nur, dass ihr es wisst. Es tut mir... tut mir Leid...“ Im Raum herrschte Stille. Alle schwiegen bedrückt – ihnen allen, vor allem aber Ran, wurde erst jetzt klar, wie lang das für ihn schon so ging. Dieses Auf und Ab, das Hoffen und Bangen, die Qual, diese niederschmetternde Diagnose gleich dreimal zu hören… nie hatte er ein Wort gesagt, bevor er nicht wusste, er musste es tun. Er hatte ihnen seine Last nicht aufbürden wollen, bevor er sie nicht zwangsläufig teilen musste. Nie hatte ihn jemand begleitet, zu den Ärzten… mit ihm gewartet, ihn ermutigt – oder ihn aufgefangen, ihn getröstet, wenn er ein ums andere Mal zu Boden gegangen war. Die Schmerzen, die er seit Jahren ertragen hatte… den stillen Kampf um sein Leben, er hatte ihn alleine ausgefochten. Ein Kampf, den er nun verlieren würde. Sie hatten alle nie etwas davon gemerkt. Er hatte sie alle getäuscht, wieder einmal... ein weiteres Mal hatte er bewiesen, was für ein exzellenter Schauspieler er war. Sein Leiden, seine Ängste vor allen verborgen, damit er sie nicht belastete. Erst jetzt, erst nachdem er die Hüllen hatte fallen lassen, als er die Fassung verlor – erst jetzt begriffen sie langsam, was es für ihn bedeuten musste, zu wissen, dass er sterben würde. Und noch schlimmer – wann er sterben würde. Ran schluchzte leise. Yukiko saß da, schaute ihren Sohn mit tränenverschleiertem Blick an. Ein unglaubliches Gewicht schien auf ihren Brustkorb zu drücken, das Atmen fiel ihr auf einmal so schwer - so viele Dinge gingen durch ihren Kopf. So viele Erinnerungen, Gedanken, die sich alle nur um den Menschen drehten, der ihr Sohn war. Langsam streckte sie ihre Hand aus, über den Tisch. Ihre Finger zitterten, als sie nach seinen griff. Shinichi drückte ihre Hand sanft. Er konnte nur erahnen, wie es für sie, seine Mutter, sein musste. Zu sehen, das der, dem sie einst das Leben schenkte, es so bald schon verlieren würde. Yusakus Blick verlor sich irgendwo in der Luft vor ihm. Er stand immer noch, seine Hände auf der Tischplatte aufgestützt. Äußerlich schien er die Ruhe selbst zu sein – doch in ihm herrschte Chaos. Seine Welt war gerade in Ruinen versunken, nur noch ein Haufen Trümmer. Und er konnte es nicht glauben. Er wusste, es war wahr; aber er wollte es nicht glauben. Es tat so weh. Kurz warf er Shinichi einen Blick zu, lange ertrug er es nicht. Er merkte, wie irgendwo in ihm etwas zu Bruch ging, als er den Glauben an die Gerechtigkeit verlor. Gerechtigkeit gab es nicht. Wäre sie existent, dann würde Shinichi das nicht passieren. Dann müsste er nicht… Er schüttelte hoffnungslos den Kopf - dann drehte er sich um und ging. Shinichi schaute auf, als er die Tür zufallen hörte. Er schluckte, fasste sich, stand ebenfalls auf. Als Ran ihn fragend anblickte, drückte er ihr nur kurz die Schulter. Dann lief er seinem Vater hinterher. Er holte ihn erst auf der Straße wieder ein. Sah ihn vor sich gehen, eine gebeugte Gestalt, die Hände in den Hosentaschen vergraben, den Kopf gesenkt, der Schritt schleppend. Der Anblick versetzte Shinichi einen Stich. Innerhalb weniger Minuten hatte er es geschafft, die Welt für noch zwei weitere Menschen zur Hölle zu machen. „Hey!“ Yusaku drehte sich um. Sein Gesicht war starr wie eine Maske. „Bleib… wo du bist. Komm nicht näher.“ Shinichi blieb stehen. Starrte ihn an, wollte seinen Ohren nicht trauen. „Was…“ „Du sollst bleiben, wo du bist. Nein, du sollst zurückgehen. Geh. Ich kann mit dir jetzt nicht reden, Shinichi.“ Yusaku bemühte sich um einen sachlichen Ton. Er wollte ihm nicht wehtun, aber er konnte jetzt nicht mit ihm sprechen. Wirklich nicht. In ihm tobte es, das Chaos regierte ihn. Wenn er jetzt mit Shinichi sprach, würde sie das ihnen beiden nicht gut tun; es würde sie noch mehr verletzen als sie es ohnehin schon waren. Er musste denken. Er brauchte seine Ruhe, um das einigermaßen zu verdauen. Shinichi schluckte bitter. „Bist du… bist du sicher…?“ Yusaku nickte. „Geh zurück. Kümmere… kümmere dich um Ran und deine Mutter. Oder… lass zu, dass sie sich um dich kümmern. Ich komm… später wieder.“ Als er sein zweifelndes Gesicht sah, schluckte er. „Gib mir etwas Zeit, um damit klar zu kommen, dass ich meinen einzigen Sohn verlieren werde, Shinichi. Bitte. Ich kann das nicht, wenn du… wen du vor mir stehst und mich die ganze Zeit daran erinnerst, wie viel ich verlieren werde…“ Seine Stimme war leise geworden. Shinichi sagte nichts mehr. Er drehte sich um und ging. Yusaku kam nicht wieder, blieb den Rest des Tages fern. Yukiko sollte ihn erst abends in ihrem Hotelzimmer finden, eine niedergeschmetterte, gebrochene Gestalt, ein Schatten seiner selbst. Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)